Marokko veröffentlicht eine nationale Wettervorhersage, aber sie liegt an mindestens vier Orten gleichzeitig daneben. Das Land besteht aus einer Mittelmeerküste, einer Atlantikküste, einem zentralen Hochplateau, auf dem Fes und Marrakesch liegen, und einem Gebirge mit darauf folgender Wüste. Ifrane im Mittleren Atlas kommt auf durchschnittlich 9,4 Grad im Januar und 961 Millimeter Regen pro Jahr. Ouarzazate, unterhalb des Hohen Atlas auf einem kahlen Plateau, liegt im selben Monat bei durchschnittlich 17,3 Grad und im ganzen Jahr bei nur 115 Millimetern Niederschlag.
Das ist die sinnvolle Art, Wetter in Marokko zu verstehen: Nicht als Landesdurchschnitt, sondern als Zahlen für einzelne Städte.
Regen: 961 Millimeter gegen 115, zur gleichen Zeit im Jahr
Das Land kennt eine Regenzeit von Oktober bis April; dann fallen die Niederschläge im Norden und in den Bergen und nehmen Richtung Süden ab. Ifrane im Mittleren Atlas bekommt etwa 962 Millimeter verteilt auf rund 72 Regentage. Fes, etwa eine Autostunde entfernt und knapp tausend Meter tiefer gelegen, erhält rund 488 Millimeter auf 55 Tage. Ouarzazate erreicht 115 Millimeter an 18 Tagen; südlich davon, Richtung Wüste, gibt es Jahre fast ganz ohne messbaren Regen.
Die Verteilung im Jahr ist wichtiger als die Gesamtsumme. Im Juli bringt Fes gerade einmal 1,1 Millimeter und im August 4,9-eine Sommerreise ins Landesinnere wird Ihnen also vom Regen kaum unterbrochen. Im Norden sind dagegen Dezember und November das andere Extrem: Ifrane erhält im Dezember 143 Millimeter, mehr als am Wüstenrand das ganze Jahr.
Etwas Wichtiges, das Sie aus Nordeuropa verlernen sollten: Wie Regen hier aussieht. Er fällt seltener, aber heftiger. Bei 55 Regentagen kommen in Fes 488 Millimeter zusammen, rund neun Millimeter pro Ereignis, konzentriert in einer klar begrenzten Saison, nicht gleichmäßig übers Jahr verteilt. Eine nasse Woche in Marrakesch heißt meistens: mehrere Stunden Regen, dazwischen viel blauer Himmel.
Die Berge stellen alles auf den Kopf
Mehr noch als der Breitengrad bestimmt die Höhenlage das marokkanische Klima. Ifrane liegt auf 1.665 Metern: Die durchschnittlichen Tageshöchstwerte bleiben dort von November bis März unter 16 Grad. Fes, 579 Meter hoch und auf der Ebene, liegt in den gleichen Monaten meist bei 20 Grad. Ouarzazate, im Süden auf 1.151 Metern im Trockengebiet, ist im Winter wärmer und im Sommer heißer als beide, denn dort spielt die Wüstenluft die Hauptrolle und nicht die Höhe.
So entstehen besondere Zahlen, für die sich ein Wetterratgeber lohnt. Ifrane, ein kleiner Kurort, 1929 von der französischen Verwaltung als Sommerfrische gegründet, hält mit minus 23,9 Grad den Kälterekord für Afrika und die arabische Welt: gemessen am 11. Februar 1935. Schnee ist dort kein Ausnahmefall, sondern alljährlich Teil des Winters: Von Oktober bis ins Frühjahr schneit es regelmäßig, und auch Fes hat im Schnitt ein bis zwei Schneetage pro Jahr, 2005, 2006 und 2007 fielen sie sogar drei Jahre in Folge. Selbst Ouarzazate, trocken und auf 1.151 Metern am Rand der Sahara gelegen, war im Februar 2023 komplett verschneit.
Wenn Ihre Route zwischen Dezember und März über den Atlas führt, ist eher der Pass das entscheidende Thema als das Ziel. Im Hohen Atlas liegt oberhalb von circa 3.000 Metern Schnee; Tizi n’Tichka und andere Übergänge können nach einem Sturm ein bis zwei Tage gesperrt sein. Fragen Sie lieber in der Stadt vor dem Pass als erst an der Schranke.
Hitze und große Unterschiede zwischen Tag und Nacht
Im Landesinneren werden die Sommerwerte schnell greifbar: Fes liegt im Juli bei durchschnittlich 35,1 Grad, Ouarzazate bei 38,8 und Marrakesch bei 37,7. Die Rekorde sind teils deutlich höher, 46,7 Grad in Fes, 44,0 in Ouarzazate, 49,6 in Marrakesch. Wer die Reise plant, legt darum seine Tagesrhythmus besser um: Gehen Sie vor neun Uhr in die Medina, essen und ruhen Sie zur heißen Zeit und unternehmen Sie am späteren Nachmittag wieder etwas.
Die Nachtwerte sind die Kehrseite, und oft der überraschende Teil. Ouarzazate hat im Januar im Mittel 1,8 Grad am frühen Morgen, im Juli 22,7. Der Tag dazu erreicht 17,3 beziehungsweise 38,8 Grad. Das ist ein Unterschied von über 15 Grad in nur einem Tag, also zwei Jahreszeiten an einem Ort. Mit der Trockenheit wird es noch deutlicher: Im Dezember beträgt die Luftfeuchte dort 64 Prozent, im Juli 22 Prozent, trockenere Luft kühlt nachts viel schneller ab.
Und die Wüste hat ihren eigenen Wind, den Chergui. Er kann im Spätsommer für zwei bis fünf Tage die Küstentemperaturen auf über 40 Grad heben, Agadir erreichte im August 2023 so 50,4 Grad. Das bleibt zwar selten und kurz, erklärt aber, warum selbst eine Küstenwoche im August keine Garantie für angenehme Frische ist.
Sonne, und warum Wettervorhersagen oft für den falschen Ort gelten
Marokko ist großzügig mit Sonne: In Ouarzazate sind es etwa 3.467 Sonnenstunden pro Jahr, in Fes 3.101 und in Ifrane 2.833-auch für einen Bergort auf 1.665 Metern viel. Der UV-Index in Fes erreicht im Juni und Juli den Wert 11-wichtiger als die Temperatur, denn auch bei 24 Grad in Höhenlagen droht starker Sonnenbrand.
Zwei Dinge helfen beim Lesen marokkanischer Wetterprognosen. Erstens: Schauen Sie auf die Stadt, nicht auf die Region, zwischen 24 Grad an der Atlantikküste und 38 im Landesinneren liegen manchmal nur zwei Autofahrstunden. Zweitens: Beachten Sie auch den Nachttemperaturbereich, denn die Schwankung ist viel größer als in Europa, und der Abend ist meist die Zeit, die Sie draußen verbringen werden.