Marokko hat in zwanzig Jahren sein Straßennetz ausgebaut. Heute ist die Fahrbahn selten das Problem. Die Autobahnen zwischen den großen Städten sind neu, leer und preiswert; Gebirgsstraßen hingegen schmal, langsam und unbeleuchtet; und die letzten zwanzig Kilometer bis zum Zielort bestehen oft aus einem einzigen asphaltierten Fahrstreifen mit befestigten Seitenstreifen, die abwechselnd von beiden Richtungen genutzt werden.
Was das Autofahren in Marokko besonders macht, ist weniger der Zustand der Straßen, sondern vielmehr das Zusammenspiel aus gelebten Gewohnheiten und den Methoden der Durchsetzung: alle paar Kilometer eine Polizeikontrolle, ein Tempomessgerät im Schatten eines Baums und Bußgelder, die in bar gezahlt werden, bevor man weiterfahren darf.
Die Papiere vor Reiseantritt
Die Führerscheinfrage ist inzwischen eindeutig: Sie benötigen Ihren eigenen Führerschein und den internationalen Führerschein nach dem Abkommen von 1968. Der ältere von 1949 wird nicht mehr anerkannt. Den internationalen Führerschein erhalten Sie nur im Ausstellungsland Ihres nationalen Führerscheins, kümmern Sie sich also rechtzeitig darum. Wer länger als ein Jahr bleibt, benötigt einen marokkanischen Führerschein.
Versicherung: Die grüne Karte Ihres Versicherers dient als Nachweis, dass Sie mindestens die vorgeschriebene Haftpflicht mitführen. Die Polizei kann sie sehen wollen. Die meisten europäischen Versicherungen decken Marokko ab und stellen die Karte auf Anfrage aus. Tut Ihre Versicherung das nicht, können Sie bei Ankunft im Hafen Tanger lokalen Versicherungsschutz kaufen. Alle Unterlagen gehören ins Auto: Führerschein und internationales Permit, grüne Karte und die Zulassung, denn an der Grenze werden sie sowohl bei der Ein- als auch bei der Ausreise kontrolliert.
Die Autobahnen und ihre Kosten
Das mautpflichtige Netz gehört der staatlichen ADM und rechnet stückweise an Kontrollstellen ab: Im Jahr 2016 verfügte Marokko über 1.808 Kilometer Autobahn, allgemeines Tempolimit 120 km/h. Die A1 führt von Rabat über Casablanca nach Safi, die A2 verläuft östlich von Rabat über Fès bis Oujda, die A3 verbindet Casablanca mit Marrakesch und weiter nach Agadir, die A5 läuft von Rabat zum Hafen Tanger Med.
Zum Vergleich: Für die gesamte Strecke von Marrakesch bis Tétouan, eine der längsten Strecken im Netz, zahlt ein Familienauto knapp 200 Dirham Maut. Busse und Lkw kosten mehr. Zahlen Sie bar, nach Möglichkeit mit kleinen Scheinen, und betrachten Sie die Maut als den geringsten Kostenpunkt des Tages.
Die übrigen Straßen erzählen eine andere Geschichte. Meist verlaufen sie als schmale Einspurstraßen, im Süden besteht eine „asphaltierte“ Strecke oft nur aus einem einzigen Streifen mit breitem befestigten Rand, den beide Fahrtrichtungen nutzen, wenn sie sich begegnen. Das klappt, bis Sandsturm oder Staub die Gegenrichtung verdeckt, dann nicht mehr.
Eigenes Auto mitnehmen
Fahrzeuge, die aus Europa nach Marokko eingeführt werden, benötigen ein Zollformular zur vorübergehenden Einfuhr, im Sommer meistens bereits auf der Fähre ausgeteilt, sonst bei Ankunft in Tanger. Alle Mitreisenden füllen zusätzlich eine Einreisekarte aus, wie am Flughafen. Polizei und Zoll durchsuchen das Auto; oft einzeln, oft gründlich und langsam.
Das Fahrzeug darf sich höchstens sechs Monate innerhalb eines Kalenderjahres im Land aufhalten. Ein darüber hinausgehender Aufenthalt löst eine Einfuhrabgabe aus, die bis zum Dreifachen des Wagenwertes betragen kann. Diese Regel gilt auch, wenn das Auto unterwegs kaputtgeht, eine Panne am Ende einer langen Reise sollte deshalb dem Zoll gemeldet werden, nicht einfach das Auto stehen lassen. Der Zoll registriert zudem das Kennzeichen bei Einreise, und ein anderes als das eingetragene Familienmitglied darf das Auto nicht wieder ausführen, das ist relevant, wenn zwei Personen gemeinsam reisen, aber nur einer früher zurückfliegt.
Kontrollen, Tempofallen und Schnellbuße
Polizeikontrollen gibt es häufig und nicht immer aus ersichtlichem Grund. Hauptstraßen stauen sich dann oft einen Kilometer zurück. Das Haltezeichen: ein roter Kreis mit قف, „halte police“ und „alto policia“ darin, nicht das in Europa geläufige rote Achteck. Am einfachsten fahren Sie, wie das Auto vor Ihnen es tut. Und falls das unklar ist: Anhalten und auf Zeichen warten.
Geschwindigkeitskontrollen sind die teurere Variante derselben Szene. Auf National- und Regionalstraßen steht etwa alle 30 Kilometer ein mobiles Gerät: zwei Beamte mit Laserpistole im Schatten eines Baumes, meist am Ende eines Tempolimits oder genau bevor es wieder ansteigt. Fahrer warnen einander mit Lichthupe, beide Richtungen. Die Strafe: Barzahlung an Ort und Stelle, Quittung handschriftlich. Feste Kameras gibt es seltener und vorrangig auf den Autobahnen. Das innerstädtische Limit von 40 km/h wird besonders streng kontrolliert, etwa in Ortschaften oder an stark frequentierten Übergängen.
Alkohol am Steuer ist ein absolutes Tabu. Bereits geringe Mengen bedeuten eine Strafe, im Zweifel sogar Haft. Ein Glas Wein am Abend ist also eine Entscheidung für den nächsten Tag, nicht für die kommenden Stunden.
Kreisverkehre, Städte und gelebte Praxis
Kreisverkehre in Marokko sind oft das, was Sie umdenken müssen. Manche werden so geregelt, dass Fahrzeuge im Kreisel den Einfahrenden Vorfahrt gewähren, bei anderen gilt die gewohnte Regel, dass Einfahrende warten. Woran Sie das erkennen? Meist erst mittendrin. Bewährt hat sich, möglichst im äußeren Ring zu bleiben und auf das Verhalten des Wagens nebenan zu schauen, nicht allein auf das Schild. Manchmal stehen auch Polizisten zur Kontrolle, doch laut landläufiger Erfahrung macht das wenig Unterschied.
Im Stadtverkehr sind Fahrbahnmarkierungen nur Dekor. Aus zweispurigen Straßen werden vier, Motorroller fahren kreuz und quer, und Ampeln gelten als grobe Empfehlung. Empfehlenswert ist, sich an die Hierarchie zu halten: Was größer ist, hat Vorfahrt, Lkw, Busse und Grand Taxis bewegen sich, als gehörte ihnen die Straße. Praktisch gesehen stimmt das oft.
Nachts und über die Berge
Am wichtigsten ist es, den Tag vor Einbruch der Dämmerung zu beenden. Viele Fahrzeuge fahren ohne Licht, manche parken auf der Fahrbahn statt am Rand, Fußgänger, Radfahrer und Tiere bewegen sich nachts auf der Straße, oft komplett ohne Reflektoren. In den Bergen schließen Schnee und Eis in Winter und Frühjahr Passstraßen. Bei starkem Regen kommt das Hochwasser nicht unter, sondern quer über die Straße.
Außerhalb der Städte braucht die Spritplanung besondere Beachtung, denn Tankstellen sind in ländlichen Regionen sehr dünn gesät. Der Handel mit geschmuggeltem Diesel am Straßenrand ist real, ein falscher Kanister kann einen modernen Motor ruinieren. Tanken Sie nur bei frequentierten Tankstellen im Ort, und fragen Sie beim Mietwagenverleiher nach dem bevorzugten Anbieter. Shell nimmt üblicherweise ausländische Karten, kleinere Marken sind oft barpflichtig, ein zusätzlicher Grund, ausreichend Dirham dabeizuhaben.
Wenn etwas schiefgeht
Marokko hat eine der höchsten Unfallraten der Region. Das Prozedere nach einem Unfall ist klar: Beide Fahrer füllen gemeinsam das „constat amiable“ aus und unterzeichnen. Blanco-Formulare erhalten Sie beim Tabakhändler in jeder Stadt und direkt im Versicherungsbüro am Hafen von Tanger, ein Exemplar im Handschuhfach ist daher ratsam. Alles ist direkt nach dem Unfall vor Ort leichter auszufüllen als später im Nachhinein.
Zwei Dinge sollten Sie noch wissen: Kommt es zu einem tödlichen Unfall und Sie gelten als Verursacher, kann eine kurzfristige Haftanordnung erfolgen, bis ein Gericht entscheidet. Und die Regel, dass das Fahrzeug mit demselben Fahrer wieder ausreisen muss, ist strikt: Sie müssen beim Grenzübertritt mit im Auto sitzen, sonst bleibt das Fahrzeug in Marokko. Ein Visum gilt ohnehin nur für neunzig Tage, meist die kürzere Frist der beiden.
Fahren in Marokko verlangt einen bestimmten Charakter: In der Stadt gelassen, außerhalb wachsam, und lieber vor Einbruch der Dunkelheit anhalten, statt auf Risiko weiterzufahren. Wer das beherzigt, erlebt das Land auf eine Art, die Bus oder Zug nicht bieten können. Morgens um sieben auf leerer Piste ins Draa-Tal zu einem Dorf, an dem nur Sie und ein Esel unterwegs sind,, das macht für viele den Reiz aus.